25. Oktober 2016 | Aktuelles | Thema: Bildungspolitik | Region: Bayern
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Aktuelles *Dieser Artikel erschien in Schweinfurter Tagblatt vom 25. Oktober 2016* ** "SCHWEINFURT Die Fähigkeit zu unkonventionellem Denken liegt bei Drei- bis Fünfjährigen noch weit über 90 Prozent, bei Erwachsenen über 25 Jahren nur noch bei zwei Prozent. Was dazwischen liegt, ist Erziehung, Schule, Bildung. „Alphabet“ ist ein Film von Erwin Wagenhofer, der überaus beeindruckend die Zeit des „Dazwischen“ in Augenschein nimmt. Der Kreisverband von Bündnis90/ Die Grünen zeigte den Film bei einer bildungspolitischen Veranstaltung im KuK (Kino und Kneipe) und lud anschließend zu einer Podiumsdiskussion über dessen Inhalte ein. Der Film ließ wohl keinen der rund 50 Zuschauer unberührt. Darin fordert der Bildungsexperte Ken Robinson zu unangepasstem Denken und Kreativität auf, während sich der Bildungsforscher Andreas Schleicher, einer der Väter der PISA-Studie, von der Leistungsbereitschaft der Chinesen beeindrucken lässt. Diese macht aber dem Pekinger Professor der Abteilung Bildung/Pädagogik, Yang Dongping, Sorgen – „nirgendwo ist die Suizidrate unter Schülern so hoch“ wie in China. Hirnforscher Gerald Hüther rät, Menschen zur Bildung einzuladen statt sie zu zwingen, und der Pädagoge Arno Stern lädt seit 60 Jahren in seinem Malort in Paris zu freiem Spiel und nicht zur „anerzogenen Kunst und Abstraktion“ ein. Sein Sohn Andr´e Stern hat nie eine Schule besucht, ist Gitarrenbauer. Pablo Pineda setzt dem Schulsystem, das durch Konkurrenz, Auslese und Gehorsam geprägt sei, ein Konzept der Liebe gegenüber; und Thomas Sattelberger, bis 2012 Personalvorstand der Deutschen Telekom, warnt vor der „Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie“. Die Quintessenz des fast zweistündigen Films: „Egal, welche Schule wir besuchen, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, und uns zu funktionierenden, abgerichteten Menschen machen wollen.“ Wie werden Kinder zu selbstbewussten positiven Menschen? Diese Frage diskutierten im Anschluss der Landtagsabgeordnete Thomas Mütze (Grüne), Corina Keller, Logopädin, Gesangslehrerin und Potenzialcoach für Kinder, Michael Demus, Inhaber des Malorts Würzburg, studierter Politologe und Historiker, und Dagmar Richter, Grundschullehrerin, Musikerin, Musiktherapeutin. Mütze plädierte dafür, die Pisastudie abzuschaffen. Menschen seien eben nicht vergleichbar. Es sage viel über unsere Gesellschaft aus, wenn die Individualität verlassen werde. Demus forderte gar, die Schulpflicht abzuschaffen oder doch zumindest zu lockern. Mehr Liebe zu den Kindern forderte Richter. Sie warnte, bereits 20 Prozent der Grundschulkinder hätten „eine Diagnose“. Sie würde Schulen gerne öffentlich machen und wünscht sich, dass ein Bundesoder Landtagsabgeordneter eine Lehrerin erst einmal eine Woche begleitet, bevor er über neue Schulkonzepte abstimmt. Auch das Publikum diskutierte eifrig mit. „Der Film greift ein Konzept an, ohne ein Gegenkonzept zu zeigen“, bemängelte eine Studienrätin. Sie ermuntere ihre Schüler immer zu selbstständigem Denken. Eine Fachlehrerin bedauerte, dass die praktischen Fächer so wenig wertgeschätzt würden, spätestens im Gymnasium züchte man nur noch Kopfmenschen. Das unterstrich eine Mutter, deren Sohn als Legastheniker unter der Schule gelitten habe und erst als Zimmererlehrling aufgeblüht sei. „Wir erleben eine massive Diskriminierung einzelner Begabungen, besonders der praktischer Fähigkeiten gegenüber den intellektuellen“, bestätigte auch Reginhard von Hirschhausen, der durchs Programm führte. Das Hauptproblem und der meiste Druck gehe heute doch von den Eltern aus, betonte ein anderer Besucher. Eine Sozialpädagogin warnte: Kinder rebellierten heute nicht mehr nach außen, sondern wehrten sich so, dass sie nicht selten in der Jugendpsychiatrie landen. Corina Keller warnte davor, nach Schuldigen zu suchen. „Keiner ist schuld, wir sind da in etwas hineingeraten, wir sollen konsumieren und immer gut sein.“ Auch nach dem offiziellen Abschluss wurde weiter debattiert. Viele Herausforderungen im Bildungsbereich, der Wirtschaft und der Gesellschaft bedürfen unkonventioneller Antworten, die an diesem Abend andiskutuert wurden."